22 / 09 / 2026 in Karrierewelt
Europa braucht mehr Werkstatt und weniger Verwaltung
Bettina Kern über Leistung, Grit, Eigenverantwortung und die Frage, wie Europa wieder in Bewegung kommt.
Wie kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit stärken? Was braucht es, damit aus Talent tatsächlich Wirkung entsteht? Und welche Rolle spielen dabei Leistung, Haltung, Unternehmertum und Eigenverantwortung?
Diese Fragen standen im Mittelpunkt unseres Executive Talks „Am Kern der Sache – Raus aus der Komfortzone, hin zur Spitzenleistung“ beim Europäischen Forum Alpbach 2026. Gemeinsam mit Christian Kern diskutierte Bettina Kern darüber, wo Europa heute steht und was sich verändern muss, damit vorhandenes Potenzial besser genutzt wird.
Viele der Gedanken aus Alpbach wollen wir noch einmal aufgreifen. Im Interview spricht Bettina Kern darüber, warum Europa aus ihrer Sicht wieder mehr ins Tun kommen muss, weshalb Grit oft entscheidender ist als Talent und warum sie trotz aller Herausforderungen an Europas Chancen glaubt.
Bettina, Europa diskutiert intensiv über Wettbewerbsfähigkeit. Was siehst du als Unternehmerin, das in dieser Diskussion manchmal zu kurz kommt?
Ich sehe jeden Tag, wie viel Potenzial in unseren Unternehmen und in den Menschen steckt und gleichzeitig, wie wenig wir teilweise daraus machen.
In vielen Unternehmen ist in den vergangenen Jahren eine gewisse Statik entstanden. Das Geschäft ist gut gelaufen, vieles hat funktioniert und die Notwendigkeit, sich permanent weiterzuentwickeln, war vielleicht weniger spürbar. Jetzt steigt der Druck und plötzlich merken wir: Wir müssen wieder in Bewegung kommen.
Das Schwierige daran ist: In Bewegung zu bleiben ist wesentlich einfacher, als ein stehendes System wieder anzutreiben. Ich vergleiche das gerne mit einem Schwungrad. Wenn es einmal steht, braucht es enorm viel Energie, bis es sich wieder dreht.
Genau deshalb braucht Europa aus meiner Sicht wieder mehr Leistung gepaart mit Leidenschaft. Leidenschaft erzeugt Energie, und diese Energie brauchen wir, wenn wir Dinge verändern wollen.
Du sagst, wir hätten Leistung und Leidenschaft ein Stück weit verlernt. Ist das nicht sehr hart formuliert?
Mir geht es ausdrücklich nicht darum, Menschen vorzuwerfen, sie würden zu wenig arbeiten. Es geht um eine Beobachtung unseres Systems und unseres gesellschaftlichen Verständnisses von Leistung.
Leistung wird heute sehr schnell ausschließlich mit Belastung oder Verzicht verbunden. Dabei kann Leistung auch etwas ausgesprochen Positives sein. Etwas zu schaffen, sich weiterzuentwickeln und aus den eigenen Fähigkeiten etwas zu machen, kann unglaublich erfüllend sein.
Für eine gute Zukunft brauchen wir deshalb nicht einfach nur „mehr Arbeit“. Wir brauchen mehr Leistungsfähigkeit, Beharrlichkeit, Verantwortungsbewusstsein und den Willen, Dinge wirklich umzusetzen.
Für mich bringt der Begriff Grit vieles davon sehr gut auf den Punkt.
Was braucht Europa, um wieder stärker in Bewegung zu kommen?
Für mich sind es vor allem drei Dinge.
Erstens brauchen wir wieder ein positiveres Verständnis von Leistung. Zweitens brauchen wir Vorbilder, die zeigen, dass Veränderung und Fortschritt möglich sind. Und drittens brauchen wir mehr Menschen, die anfangen, bevor sämtliche Bedingungen perfekt sind.
Ich erlebe in meiner Arbeit sehr oft, dass Menschen oder Unternehmen auf den idealen Zeitpunkt warten. Auf bessere Rahmenbedingungen, die richtige Förderung oder mehr Sicherheit. Aber wenn wir warten, bis alles perfekt ist, werden wir sehr lange warten.
Deshalb ist für mich eines der wichtigsten Themen Mut zur Umsetzung. Europa verfügt über hervorragende Wissenschaft, Talente und Know-how. Entscheidend ist aber, daraus wirtschaftliche und gesellschaftliche Wirkung entstehen zu lassen.
Etwas zugespitzt gesagt: Wir brauchen weniger Verwaltung und mehr Werkstatt.
Woran würden wir erkennen, dass Europa wieder in Schwung gekommen ist?
Wenn Scheitern nicht automatisch als Schande wahrgenommen wird. Wenn Leistung wieder positiv besetzt ist. Wenn Talente hierbleiben, weil sie Perspektiven sehen. Und wenn Unternehmen wieder schneller entscheiden, investieren und umsetzen können.
Es geht letztlich darum, aus Möglichkeiten Realität zu machen.
Was ist wichtiger: Leistung oder die richtige Richtung?
Beides. Leistung ohne Richtung wird zum Hamsterrad. Richtung ohne Leistung bleibt Theorie.
Wir brauchen eine Vorstellung davon, wohin wir wollen. Aber genauso brauchen wir Menschen, Organisationen und Unternehmen, die bereit sind, den Weg dorthin tatsächlich zu gehen.
Du hast Grit angesprochen. Was bedeutet dieser Begriff für dich?
Grit ist für mich ein sehr vielschichtiger Begriff. Es geht um Ausdauer, Beharrlichkeit, Verantwortung, Biss und Haltung. Gleichzeitig gehört Leidenschaft dazu: der Wunsch, an etwas dranzubleiben, weil einem das Ziel wirklich wichtig ist.
Angela Duckworth beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema. Eine zentrale Erkenntnis daraus ist für mich: Talent allein reicht nicht.
Ich kann unglaublich talentiert sein. Wenn ich aus diesem Talent nichts mache, bleibt es Potenzial. Umgekehrt kann ich mich in einem Bereich enorm entwickeln, wenn ich etwas wirklich erreichen möchte und bereit bin, langfristig dafür zu arbeiten.
Deshalb sage ich gerne: Talent ist der Anfang. Grit macht den Unterschied.
Wie viel Grit steckt in deiner eigenen Geschichte?
Sehr viel.
Ich bin am Land aufgewachsen, habe mit 15 Jahren die Schule beendet und zunächst eine Lehre gemacht. Später habe ich die Matura und ein Studium nachgeholt und schließlich mein eigenes Unternehmen gegründet.
Dieser Weg war alles andere als geradlinig. Gerade bei der Gründung gab es viele Hürden. Ich brauchte Kapital, aber keine Bank wollte mir welches geben. Ein Bankberater sagte mir damals sogar sehr offen, es wäre wahrscheinlich einfacher, wenn ein Mann an meiner Seite wäre.
Das ist inzwischen rund 20 Jahre her. Aber genau solche Erfahrungen haben meine Sicht auf Grit geprägt. Wir glauben oft, ein erfolgreicher Weg müsse möglichst gerade verlaufen. Keine Umwege, keine Steine, keine Rückschläge. Dabei entstehen gerade aus diesen Hindernissen häufig neue Möglichkeiten. Rückblickend denke ich mir deshalb oft: Das Hindernis ist manchmal tatsächlich der Weg.
Du arbeitest seit mehr als 20 Jahren mit Talenten. Hat Europa ein Talentproblem oder eher ein Haltungsproblem?
Ich sage seit vielen Jahren: Hire for attitude. Fachliches Wissen, eine bestimmte Software oder viele technische Fähigkeiten kann man lernen. Die grundlegende Haltung eines Menschen ist wesentlich schwieriger zu verändern.
Trotzdem erlebe ich immer wieder, dass Kandidatinnen und Kandidaten nicht eingestellt werden, weil ihnen eine ganz bestimmte einschlägige Erfahrung fehlt. Damit reduzieren wir Menschen sehr schnell auf das, was sie heute bereits können und übersehen, was sie morgen entwickeln könnten. Genau darin steckt für mich enormes ungenutztes Potenzial.
Beim Forum Alpbach wurde auch intensiv über Leistung und soziale Verantwortung gesprochen. Wie lässt sich beides miteinander verbinden?
Ich halte sehr viel von der sozialen Marktwirtschaft. Eine starke Gesellschaft muss jene Menschen unterstützen, die Unterstützung brauchen.
Gleichzeitig funktioniert jedes soziale System nur, wenn die wirtschaftliche Basis dafür vorhanden ist. Anton Benya hat dafür einmal ein sehr einfaches Bild verwendet: Eine Kuh, die man melken möchte, muss man auch füttern. Der Satz stammt aus einer völlig anderen Zeit, aber der Grundgedanke ist nach wie vor relevant. Wertschöpfung muss zuerst entstehen, damit wir sie verteilen können.
Deshalb müssen wir wieder stärker darüber sprechen, wo wirtschaftliche Leistung entsteht und wie wir die Voraussetzungen dafür schaffen.
Wie sieht für dich ein zeitgemäßer Vertrag zwischen Unternehmen, Beschäftigten und Staat aus?
Ein zentraler Punkt ist: Leistung muss sich lohnen.
Wer mehr arbeitet, mehr Verantwortung übernimmt, mehr riskiert oder etwas aufbaut, sollte diese zusätzliche Leistung auch spüren. Das gilt für Unternehmerinnen und Unternehmer genauso wie für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Gleichzeitig braucht es soziale Sicherheit. Für mich besteht darin kein Widerspruch.
Der Staat sollte absichern, wenn Menschen tatsächlich Unterstützung benötigen. Er sollte aber gleichzeitig Rahmenbedingungen schaffen, die Eigeninitiative, Unternehmertum und Leistung ermöglichen und belohnen, er sollte aber auch Menschen fordern die keine Leistung erbringen wollen.
Ich würde mir deshalb einen Staat wünschen, der stärker Ermöglicher und weniger Verwalter ist.
Muss die Initiative dafür von der Politik ausgehen oder von den Unternehmen?
Von beiden Seiten. Natürlich braucht es die richtigen politischen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig erlebe ich aber sehr oft, dass Unternehmen auf genau diese Rahmenbedingungen warten. Auf das nächste Gesetz. Die nächste Förderung. Die nächste Verbesserung.
Unternehmertum bedeutet für mich auch, mit dem zu beginnen, was bereits vorhanden ist. Wir können nicht sämtliche Verantwortung an die Politik delegieren. Genauso wenig kann die Politik erwarten, dass Unternehmen sämtliche strukturellen Probleme alleine lösen.
Europa wird nur dann schneller werden, wenn beide Seiten Verantwortung übernehmen.
Wie können wir Eigenverantwortung wieder stärker fördern?
Durch mehr Vertrauen und weniger permanente Kontrolle. Eigenverantwortung entsteht auch dadurch, dass Menschen Entscheidungen treffen dürfen und mit den Konsequenzen dieser Entscheidungen umgehen lernen.
Ich selbst habe Verantwortung nicht in einem Studium gelernt. Ich habe sie im Tun gelernt, weil ich Entscheidungen treffen musste. Vielleicht müssen wir Menschen wieder öfter zutrauen, genau das zu tun.
Zum Abschluss: „How Europe Wins“ – glaubst du daran?
Ja. Aber nicht, wenn wir glauben, guter Wille allein würde reichen.
Europa hat enormes Potenzial: in seinen Menschen, in seinen Unternehmen, in seiner Wissenschaft und in seinen Ideen. Entscheidend wird sein, dieses Potenzial tatsächlich zu nutzen. Wenn ich mir wünschen könnte, womit wir aufhören und womit wir beginnen, wäre meine Antwort deshalb ziemlich einfach: Aufhören, Potenzial zu verwalten. Anfangen, Potenzial in Wirkung zu bringen.
Was gibt dir persönlich Zuversicht?
Ich glaube an das Potenzial von Menschen und daran, was möglich wird, wenn wir Menschen etwas zutrauen.
Vielleicht passt dazu ein Beispiel aus meiner Heimat Oberösterreich ganz gut: Der LASK hat gerade gezeigt, dass selbst ein scheinbar aussichtsloser Rückstand noch gedreht werden kann. Solche Momente erinnern mich daran, dass Ausgangslagen nicht automatisch Ergebnisse bestimmen.
Für Europa gilt für mich etwas Ähnliches. Wir haben vieles, was wir für eine erfolgreiche Zukunft brauchen. Jetzt müssen wir wieder mehr daraus machen. Mehr Vertrauen. Mehr Mut zur Umsetzung. Mehr Werkstatt.